Indonesien: Zwischen Feuer und Erde

Heute geht es los. Endlich!!!! Die Flüge via Paris, Singapur nach Jakarta sind gebucht, die Tickets halten wir in den Händen. Aber wie immer müssen kurz vor einer Reise noch ein paar Kleinigkeiten besorgt werden. Ein paar Akkus fehlen, ebenso Mückenspray für die Plagegeister der Dämmerung. Dann wollen wir noch ein paar Euros in Dollar tauschen. Kann mir kaum vorstellen, dass in Indonesien schon jemand die europäische Einheitswährung akzeptiert. Das Leipziger Forscherteam, dass wir bei ihren Arbeiten filmen wollen, ist schon seit einigen Tagen am Vulkan Merapi. Sie berichten von Schwierigkeiten mit ihrer Ausrüstung.

15.08.2002 JAKARTA

Nach 16 Stunden in einen AIR-FRANCE Flugzeug haben wir uns nicht erkältet. Obwohl der Nachbar aus Senegal in dieser Zeit mindestens 50 mal "herzhaft" geniest hat. Zum Glück haben wir beim Zwischenstopp in Singapur die Plätze getauscht.

Wenn, dann sind wir wenigstens beide krank. Ankunft in Jakarta. Regelrecht ins Taxis geschmissen. An der Ampel werden zwischen Autos die Masken der Menschen-Affen verkauft. Neben Wasser, Zeitungen und Erdnüssen. Am Abend dann "lecker Abendessen" in Jalan Jaksa,dem Treffpunkt der Rucksack-Touristen in der indonesischen Hauptstadt.

Eine Thailändischer Kao Searn Road in Klein - doch jetzt ist "low saison" und fast kein Traveller unterwegs. Am Samstag ist der nationale Unabhängigkeitstag und die Stadt in den Nationalfarben -rot-weiss- geschmückt. An jeder Strassenecke, in jeder noch so kleinen Gasse. Am Präsidentenpalast werden die Stühle für die Parade ausgerichtet. Betreten der Marsch-Strecke: verboten!

Währendessen laufen am ehemaligen holländischen Schoner-Hafen die Schiffe aus Borneo und Sumatra ein. An Bord : tropische Edelhölzer. Ein Guide spricht uns an: nimmt uns für ein paar Dollar mit in die Wirklichkeit unweit des Hafens. Bretterbuden, Plastikplanen, Müll. Trotzdem auch hier überall: rot weiss - die Landesfarben. In einer Halle schlafen die Fischverkäufer: ihr Arbeitstag hat bereits um 3 Uhr begonnen.

Nur einige wenige noch sortieren Tintenfisch - je nach Größe. Auf dem Markt daneben werden derweil die Reste des Fangs feilgeboten. Ein paar "Angor Bir" in einer Bar umringt von europäischen Touristen und ihren indonesischen Freundinnen.

Jetzt geht es nach Yogyakarta - der Flug ist gebucht - dem Vulkan entgegen. Denn werden wir Ulrich Serfling und sein Forscherteam treffen.

17.08.2002 YOGYAKARTA


  Gestern gegen mittag in der indonesichen Metropole angekommen. Der Flug war kurz, die Landung heftig. Später hörte ich, daß bei Regen hier nicht gelandet werden kann, weil sich in der Mitte der Piste eine Regenwassersee bildet. Ankunft im Hotel Batik. Einer Oase inmitten der Stadt, mit Bungalows, Palmen und einem 15-Meter Swimmingpool. Am Eingang treffen wir Carsten und Ulrich, die beiden Forscher vom Leipziger "Merapi Vulkano Projekt". Beide sind schlechter Laune, mußten sie doch am Vormittag eine Besteigung des Vulkans abbrechen. Wind und Sturm, die Wolken brausten nur so um die Flanken des Merapi. Sicht fast Null, erzählen sie uns.

Dann ein erneuter Versuch über die Südseite des Berges. Auch hier vergeblich. Polizei empfängt das Forscherteam. Keiner könne auf den Berg, denn sonst würden Spuren verwischt werden, sagen die Behörden. Seit drei Tagen sucht man hier einen Wanderer. Seine Überlebenschance ist gering.

Morgen nun will das Forscherteam einen neuen Versuch starten, auf den Berg zu kommen. Ihre Meßstation soll in Gang gebracht werden. Wecken ist zwei Uhr dreißig, um drei Uhr gibt es Kaffee, Tee und Kekse - dann wartet schon ein Bus. Zwei Stunden durch die Dunkelheit bis in 1600 Meter Höhe. Von dort beginnt der Aufstieg auf den fast 3000 Meter hohen Berg. Am Fuss des Merapi wird sich entscheiden, ob Wind und Wetter einen neuen Aufstieg auf den gefährlichen Vulkan zulässt.

19.08.2002 MERAPI


3000 Meter Höhe - inmitten von Schefelwolken. Mit Gasmaske habe ich noch nie einen Film gedreht. Auf dem Merapi steht der Wind heute ungünstig, kommt von Süden. Das heisst: arbeiten in Schwefeldämpfen, die aus Dutzenden von gelben Erdöffnungen kommen. Nur 300 Meter ist der Dom weg. An ihm kommt das feste, heiße Gestein aus dem Inneren des Vulkans. Ulrich Serfling und sein Team hat mit den widrigen Bedingungen zu kämpfen. Über vier Stunden sind die Vulkanforscher auf dem Berg, schlagen Elektroden in den Boden, messen Erdströme, löten Kontakte an Ihrer Messstation. Ohne Gasmaske ist kein Arbeiten möglich, will man nicht von Hustenanfällen geschüttelt werden. Oft geht gar nichts mehr - die Sichtweite beträgt nur ein paar Zentimeter. Ich habe das Gefühl im Vorhof der Hölle zu sein.

Bereits um zwei Uhr dreißig begann für uns der Tag. Geschlafen haben Daniel, der Kameramann und ich vor Aufregung vielleicht eine Stunde. Gegen drei dann ein kleines Frühstück. Immerhin es gibt es dünnen Kaffee, beim letzten Mal war nichts da und der Aufstieg ging dann auch schief. Forscher können manchmal abergläubig sein. Obwohl der Fahrer des Kleinbusses verschläft, treffen wir in der Morgendämmerung am Fuss des Merapi, einem der gefährlichsten Vulkane der Welt, auf 1600 Höhe ein. Für den eindrucksvollen Sonnenaufstieg haben Wenke, Christian, Carsten und Ulrich keinen Blick, der Berg ruft, die Arbeit auch. Immerhin stehen noch fast vier Stunden Aufstieg bevor.

Auf einen Berg zu klettern ist schon nicht einfach, besonders schwierig wird es allerdings dann wenn einem noch eine Kamera um die Schulter hängt. Kompliment für Daniel, er hat wirklich das letzte aus sich herausgeholt. Bald knallt die Sonne. Ständig kommen uns Indonesier entgegen, die die Nacht auf dem Merapi verbracht haben. Manch einer hat eine Gitarre auf der Schulter, ein anderer ein kleines dudelndes Radio auf dem Rucksack festgemacht. Hunderte sind heute, am Tag nach ihren Unabhängigskeitstag, auf dem Merapi unterwegs. Die Besteigung des Berges soll ihnen Glück bringen. Fröhlich sind sie (Hello Mister!) und hin und wieder wird mit uns ein Foto zur Erinnerung gemacht.

Irgendwann stehen dann nur noch 300 Höhenmeter im Fels bevor. Das T-Shirt ist durchgeschwitzt, zwei Liter Wasser alle. Auf dem Berg dann gibt es für uns statt einer schönen Aussicht beißende Schwefelwolken. Und für die Vulkanforscher ein Menge zu tun. Kurz vor drei erfolgt der Abstieg. Erst durch eine Wüste mit wackeligen und manchmal auch scharfen Steinen. Dann geht es kilometerlang über Geröll, langsam werden die Knie schwach. Zweimal sind mir die Beine weggerutscht. Ein Glück - der Kamera auf dem Rücken ist nichts passiert. Gegen fünf erwartet uns der Bus - doch erst einmal muss das Shirt gewechselt, müssen ein paar Schluck Wasser getrunken werde. Etwas zu Essen hat keiner mehr. Also werden uns in den folgenden 90 Minuten im Bus die Mägen knurren. Um so besser schmeckt es dann am Abend, wir sind erschöpft und zufrieden. Die Vulkanforscher, weil heute (bis auf ein kleine durchgeschmorte Box) fast alles gelang und das Kamerateam weil es mit ein paar eindrucksvollen Bildern wieder heil in Yogyakarta angekommen ist.

22.08.2002 YOGYAKARTA

Sieben Tage lang war er verschollen am Merapi. Dann erst fanden Helfer, so berichtet es die "Jakarta-Post", den indonesischen Studenten am Fusse des Berges. Wie genau er zu Tode kam, kann keiner sagen. Klar ist: beim Aufstieg über die gefährliche Südflanke hat er wahrscheinlich die Orientierung verloren, war vom Weg abgekommen, abgerutscht. Loses Gestein liegt am Merapi überall herum.Der Berg hat seine Tücken beim Besteigen, fordert auch den deutschen Forschern körperlich das Letzte ab. Da kann es schon einmal vorkommen, daß ein Vulkanforscher mit 39 Grad Fieber für ein paar Tage mit Schweißausbrüchen im Bett liegt. 16 Stunden unterwegs - das nach kurzem und wenig tiefem Schlaf - steckt keiner mal so eben weg. Auch uns plagen Muskelschmerzen. Und daß, obwohl ich mich eigentlich für gut trainiert hielt. Bergsteigen ist eben doch etwas anderes als Jogging oder Radfahren, zumal wenn beim Abstieg die Knie stundenlang gestaucht werden.

Das Leipziger Merapi-Projekt verläuft vielversprechend. Vulkanforscher Carsten ist zufrieden.
Die Meßstation auf dem Berg ist installiert, sendet Signale in das zentrale Observatorium in Yogyakarta. Dort teilen sich deutsche Forscher aus Leipzig, Potsdam und Darmstadt einen engen Arbeitsraum. Zusammen mit Carsten, Ulrich und Christian fahren wir nach Babadan - zu einer indonesischen Meßstation. Am Morgen ist hier in der Nähe eine Gerölllawiene ins Tal gegangen - das Seismometer der Station zeigt anschaulich den Ausschlag. Der Berg steht im Nebel, die Sicht reicht nur einige Hundert Meter. Wir können nur höhren, wie weitere Steinlawienen abgehen.

Viel mehr beunruhigen die Forscher in diesen Tagen jedoch die emails aus der Heimat. Die Flut in Deutschland, auch sie ist - 14 000 Kilometer entfernt - ein Thema hier. Freunde und Bekannte aus Riesa und Bitterfeld schreiben von zerstörten Eigenheimen und weggeschwemmten Existenzen. Ulrich erzählt von Stoiber der Sandsäcke in Sachsen schwingt. Kopfschütteln bei uns und eine Diskussion darüber, ob diese Flut Schröder nun doch noch die Kanzlerschaft gerettet hat.

25.08.2002 YOGYAKARTA

Wie ein Fluch liegt der Merapi über der Stadt. Wenn die Sicht gut ist, das ist sie wegen der Abgase aus den zahlreichen alten Mopeds jedoch höchst selten, kann man den Vulkan von der Stadtmitte aus sehen. Bei einem großen Ausbruch würden die Menschen evakuiert, über der Stadt ein Ascheregen niedergehen und alles mit schwarzem Ruß bedecken.

Yogyakarta ist das Zentrum des Batik-Handwerkes. Ein spezielle Form der Textilgestaltung, die in ihrer handwerklichen Perfektion an Malerei erinnert. Doch Vorsicht: schon mancher hat sich von freundlichen Indonesiern einlullen lassen. "Hello Mister - i show you a exhibition. Only look, no money!" Natürlich haben die geschäftstüchtigen Guides dann auch einen Bekannten in Berlin-Wedding und in Yogya eine gute Aussicht auf commission. In den "Galerien" hängen angeblich Bilder indonesischer Studenten, die jedoch nirgens zu sehen sind. Will man ein Bild später kaufen, wird dies zum Problem, weil die "Ausstellung" leider morgen gerade weiterzieht. Die Galerien im Stadtzentrum, so wissen Eingeweihte, gibt es hier schon seit Jahren. Ihre Verkaufspreise betragen das Zehnfache dessen, was man in anderen Läden bezahlt in einem anderen Stadtteil bezahlt. Zum Beispiel in unmittelbarer Nachbarschaft des "Vogel-Marktes". Dort wo die Textilien in mühevoller Handarbeit hergestellt werden und die Batik-Kunst ihr zuhause hat.

Meerschweinchen, Hasen, Eulen, kleine Hunde - kaum ein Tier, dass auf dem "Bird-Market" nicht zu haben ist. Seltene Singvoegel für Millionen von Rupien. An einem anderen Stand: Reptilien. Ein Leguan im Glaskasten und Würgeschlangen in zusammengenagelten Holzkisten.

Wer will, kann sich eine Boa oder Phyton um den Hals hängen lassen. Das Fotos ist schnell gemacht. Ein paar Nachfragen nur - und schon bringt uns der Standbesitzer zu seinem Haus in der Nähe. Zeigt uns seine "wahren" Schätze - Produkte aus Schlangenleder. Eine edle Geldbörse - von ihm in Handarbeit gemacht - kostet 600 000 Rupien, rund 75 Euro. Einfuhrverbot, Handel mit vom Aussterben bedrohten Arten?? Ach was. Erst kürzlich war eine Frau aus Karlsuhe hier - die hat sich daran schließlich auch nicht gestört.

Vier Uhr Nachmittags - inmitten der Ruinen des alten Wasserschlosses. Zwei stolze Hähne gehen aufeinander los. Viermal 15 Minuten dauert das Spektakel - dann geht es in die Verlängerung. Zwei Dutzend Männer sind versammelt, geben gurrende Geräusche von sich. Einer hält die Geldscheine zusammen, ein anderer starrt auf eine blaue Arnbanduhr. Blut tropft, Federn fliegen. In der Kampfpause waschen die Besitzer ihren Tieren das Blut aus dem Gesicht. Touristen, die zufällig vorbeikommen wenden sich entsetzt ab. Am Ende gibt es dann doch noch einen Sieger - 60 Sekunden vor Ablauf der Verlängerung. Ein Hahn ergreift die Flucht, ein paar Indonesier jolen, ein paar grämen sich. Geldscheine wechseln den Besitzer. Morgen wird man sich zur selben Zeit hier wieder treffen.

29.08.2002 MERAPI

50 Steinlawinen an einem Tag. Und: Rauch der immer heftiger aus dem Berg kommt. In den letzten Tagen ist der Merapi aktiver geworden. Immerhin: in seinem Einzugsbereich leben über drei Millionen Menschen. Einige Bauern siedeln wegen des fruchtbaren Bodens unmittelbar an seinen Hängen. Ständig droht Ungemach, die letzte "Vulkankrise" liegt erst eineinhalb Jahre zurück. Für Forscher birgt der Berg aber noch ganz andere Gefahren.

Wir sitzen mit dem Potsdamer Vulkanforscher Dr. Jo Wassermann zusammen. Er ist momentan auch in Indonesien, um die 14 seismologischen Stationen des Forschungsprojektes der Universität am Laufen zu halten. Wassermann erzählt wie er an seiner Meßstation in 2 600 Meter Höhe einmal in ein Gewitter kam.

"Auf die Erde, klein machen und alles Metall wegwerfen" so schildert er sein Erlebnis. Wassermann berichtet aber auch von einem Kollegen, der nach einem Blitzschlag drei Meter weiter weg aufgewacht ist - seine Apparatur hatte er natürlich nicht mehr in Händen. Oder von einem Kölner Forscher dem beim Aufstieg auf den Merapi ein Felsstein über das Becken rollte. Nur einer Kabeltrommel hatte er es zu verdanken, daß sein Becken "nur" angebrochen war. 15 Stunden dauerte es bis aus dem Tal indonesische Hilfe kam.

Arbeiten unter extremen Bedingungen - im Dienste der Wissenschaft.

Hinzu kommt mangelnder Respekt vor dem Berg. Ulrich Serfling kann es nicht verstehen, daß viele Indonesier den Merapi mit einfachen Badelatschen besteigen. Meistens hätten sie dann nur noch eine Halbliterflasche Wasser dabei und fast nichts zu Essen im Gepäck. Für Touristen gibt es in Yogyakarta aber noch eine ganz spezielle Form des Abenteuers. Einen Aufstieg zum Vulkan im Taschenlampenschein. Örtliche Reiseagenturen offerieren diese Trips - für 85 000 Rupien, rund 10 Euro. Treff ist 10 Uhr Abends, der Aufstieg beginnt 1 Uhr in der Nacht. Lange Stunden in der Dunkelheit - über Geröll, Fels und scharfkantigen Stein. "Fahrlässig" sagt Ulrich Serfling, nur um einmal den Sonnenaufgang über den Wolken genießen zu können.
Am Samstag steht für die Leipziger Forscher der letzte Aufstieg zum Merapi bevor. Die Studenten Wenke Wilhelms und Christian Friedrich wollen einen Blitzableiter in den Fels betonieren. Damit die sensible Mess-Station kein Blitzschlag trifft. Vulkanforscher Carsten Rücker ist dann zum 30. Mal auf dem Weg zum Gipfel in knapp 3000 Meter Höhe. Für sein Jubiläum hat er bereits jetzt eine Überraschung angekündigt. Was wird er wohl in seinem Rucksack haben? Spannung, die sich erst auf dem Gipfel entlädt!

29.08.2002 MERAPI

Keine Wolken über dem Merapi. Schon in der Dämmerung kündigt sich ein großartiger Tag an. Der Wind bläst von Norden. Das bedeutet für die deutschen Vulkanforscher: endlich einmal nicht arbeiten müssen inmitten von Schwefelwolken. Die Gasmaske kann im Rucksack bleiben.

Ein Aufstieg in sengender Hitze. Unbarmherzig knallt die Sonne - vermischt Staub, Schweiß und UV-Creme auf der Haut zu einem undefinierbaren Gemisch. Immer wieder geht der Blick zurück. Die Sicht ist fantastisch, kilometerweit. Wie Inseln aus einem wilden Meer ragen sie am Horizont heraus - all die erloschenen indonesischen Vulkane.

Am Gipfel dann die Überraschung - ein kleines Festmal an der Mess-Station. So viel zumindest sei verraten: es gab auch ungarische Salami. Carsten Rücker hat sie aus Leipzig extra für die letzte Gipfelbesteigung mitgebracht. Ein solches Frühstück auf einem aktiven Vulkan erlebt man selten. Auch der Potsdamer Vulkanforscher Dr. Jo Wassermann bekommt ein Stück von der Wurst. Wassermann betreibt 300 Meter unter dem Gipfel eine seismologische Mess-Station und ist mal eben hochgekommen weil ihm ein Lötkolben fehlt. Über den Wolken gibt es keine Konkurrenz. Wer am Berg bestehen will, ist auf Hilfe angewiesen.

3000 Meter unter uns Felder, Dörfer und Städte. Ein Blick wie aus einem Flugzeug heraus, nur daß einem hier oben manchmal der Schwefel in die Lungen weht und jeder unbedachte Tritt einen Stein ins Rollen bringen kann. Gegen Mittag ruft der Muezin im Tal. Die Luft ist so klar, daß man selbst ihn hier oben hören kann. Über sechs Stunden arbeiten die Leipziger Vulkanforscher. Ein Blitzableiter wird gebaut, Sonnenkollektoren geputzt und Daten von der Mess-Station abgefragt.
Plötzlich werden die Schatten länger, die Hektik größer. Immerhin steht ja noch ein Abstieg von mindestens zwei Stunden an. Zwei Stunden Extrembelastung für Knie und Gelenke - gesund kann das alles nicht sein.

Die Studenten Wenke und Christian, Kameramann Daniel Lohmann und ich gehen vor. Jeder Tritt muss sitzen. Busgroße Steine liegen über uns, hoffentlich löst sich keiner von ihnen. Aber daran sollte man lieber nicht denken. Vom Tal her eine Stimme. Es ist Jo Wassermann, der Postdamer Wissenschaftler. "Go left, be careful" ruft er den Hang hinauf. Eigentlich dachten wir auf dem richtigen Weg zu sein.

Als wir ihn eine halbe Stunde später treffen, geht unser Blick zurück. Seine Warnung galt nicht uns. Zwei Indonesier hängen in der Dämmerung inmitten der steilen Wand. Weit rechts vom Weg, den aber nur ein geübter Merapi-Besteiger finden kann. Es sieht nicht gut aus für die beiden. Dramatische Szenen am Berg. Zeit verrinnt. Mit Verzögerung steigen wir ab. Hier, in der Nähe des Äquators, wird es schlagartig dunkel. Es ist fast Nacht als wir im Tal ankommen. Hinter uns liegt ein Tag den keiner so schnell vergessen wird.

05.09.2002 MERAPI

Es ist ein Grummeln das ohne Vorwarnung kommt und stetig lauter wird. Die Erde zittert leicht. Ohne Unterlass, sechs Minuten lang. Wir können nur ahnen, was da in 100 Metern Entferung im Nebel an uns vorrüber geht. Als würden Wagonladungen von Schutt abgeladen. Es ist die grösste Stein- und Gerölllawine des Tages und wir sind zufällig in der Nähe.

Ach du Scheisse". So recht wohl ist Ulrich Serfling, dem Expeditionsleiter des Leipziger "Merapi-Vulkano-Projektes" nicht. Fünf Mal stand er auf dieser Anhöhe schon. Aber so einen Steinschlag hat er an der Südwest-Flanke des Berges noch nicht erlebt. Immerhin schlugen hier, an der seismologische Mess-Station in rund 2000 Meter Höhe, schon einige schwere Brocken ein. Fanden französische Forscher den Tod, weil sie sich auf der Suche nach einem Stück Vulkangestein auf Geröllfeld vorgewagt hatten.

Ginge es nach dem Willen der örtlichen Behörden in Yogyakarta soll die Gegend um den Merapi schon bald in einen Nationalpark umgewandelt werden. Mit Eintrittsgates für die Touristen. Und Beschränkungen für die Bauern die in den Dörfern am Merapi wohnen und gut von ihm leben. Drei Tabakernten lässt der nährstoffhaltige Vulkangestein pro Jahr zu, zwei mehr als zum Leben unmittelbar nötig wäre.

Täglich schleppen Kinder, Frauen und Greise Gras und Holz zu Tal. Mit all dem soll Schluss sein, wenn der Nationalpark kommt. Als Parkwächter zu arbeiten - das kann sich keiner von ihnen so richtig vorstellen.

Nach fünf Wochen geht die Expedition der Leipziger Vulkanforscher zu Ende.
Manch einer wünscht sich endllich einmal wieder ein hartes Bett unter dem Rücken oder ein Schwarzbrot mit dick Butter und Zwiebelmettwurst drauf. Bis zum Schluss arbeitet Vulkanforscher Carsten Rücker an einem Computerprogramm. Es soll helfen, die Daten ihrer Merapi-Mess-Station vor Ort aufzubreiten. Damit sie verständlich in Leipzig ankommen.

Zum Schluss noch ein freier Arbeitstag für die Studenten Wenke und Christian. Vor Sonnenaufgang sind sie erneut losgefahren - zu dem historischen Tempel von Borobudur, dreißig Kilometer vom Merapi entfernt. Das buddistische Heiligtum war noch bis vor 200 Jahren verschüttet, so heftig brach in der Vergangenheit einmal der Vulkan aus.

Abschied vom Merapi. Als das Flugzeug durch die Smog- und Wolkendecke stößt, ein letzter Blick zurück. Auf einen Berg im Sonnenlicht. Auf einen Vulkan, in dessen Tiefe irgendwo die Lava schlummert. Und der mit Sicherheit bald wieder ausbrechen wird.

Tags: Indonesien, Merapi, Jakarta, Yogyakarta

Drucken

Durch die weitere Nutzung dieser Webseiten stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.